Drüber nachgedacht

Lesealltag

Im heutigen „Drüber nachgedacht“ dreht sich alles um den Lesealltag. Wann liest man? Wo liest man? Wie liest man? Und wer kann euch das besser von meinem Lesealltag erzählen als mein Buch:

5:00 Uhr. Die ersten Sonnenstrahlen wagen sich so langsam durch das Fenster. Juhu! Endlich Zeit Geschichten zu erzählen! Nachdem ich Stunden nur so im Dunkeln rum lag und höchstens mal von einer Katzennase oder -pfote angestubst wurde, kann ich es kaum mehr erwarten meine Geschichte weiterzugeben. Doch ich habe mich geirrt. Es passiert überhaupt nichts. „Hallo? Ich habe hier eine Geschichte zu erzählen! Warum liest hier denn noch niemand?“, rufe ich aus. Doch noch immer kommt meine Leserin nicht und holt mich vom Wohnzimmertisch ab.

Schlafplatz für aktuelle Bücher: der Wohnzimmertisch

Ein paar Stunden vergehen und so langsam kommt Hektik auf. Heißt das, dass ich endlich gelesen werde? Immer wieder sehe ich potenzielle Leser vorbei laufen. Dann endlich stürmt meine Leserin auf mich zu. Ihre Hand berührt mein Cover, umschließt meine Hülle. Aufregung macht sich in mir breit und ich spüre, wie sich meine Geschichte an die Oberfläche kämpft. Doch noch hat sie mich nicht aufgeschlagen. Sie nimmt mich an sich, streicht zärtlich über meinen Rücken und packt mich dann ihre Tasche. „He, was soll das denn? Hier wartet eine Geschichte auf dich!“, versuche ich sie abzuhalten. Ich habe jedoch keine Chance. Immerhin habe ich aus meinem Platz in der Tasche einen fabelhaften Blick auf das, was meine Leserin tut.

Als ich aus der Tasche heraus das Auto sehe, ist mir klar, dass es erst mal keine Lesezeit gibt. Schmollend lasse ich mich von meiner Leserin zu ihrer Arbeit tragen. Als sie mich in ihrer Tasche neben ihrem Arbeitsplatz platziert, beginnt auch meine Arbeit. Immer wieder flüstere ich meiner Leserin zu: „Komm, komm her und lies mich.“ Ich erinnere sie an die tolle Geschichte, die ich beinhalte und kann es kaum erwarten, dass sie mich wieder in die Hand nimmt.

In meine Tasche gehört immer ein Buch

Eine gefühlte Ewigkeit später beobachte ich, wie meine Leserin ihre Sachen zusammenpackt. Yes! Das heißt, gleich komme ich zum Einsatz. Sie schnappt sich die Tasche und gemütlich gehen wir zur Bahnstation. In der Zeit versuche ich sie schon mal wieder in die Geschichte einzuführen und lasse sie an die letzten Szenen, die sie erlebt hat, denken. Meine Seiten rascheln vor Vorfreude gleich wieder jemanden begeistern zu können. Die Bahn fährt vor, wir steigen ein und da spüre ich es. Jemand hat mich entdeckt! Eine Frau im Alter meiner Leserin hat einen Blick auf mich geworfen. Einen interessierten Blick. Ich gebe mir Mühe, dass mein Cover glänzt wie noch nie und man den Titel auch besonders gut erkennen kann. Währenddessen gebe ich ihr ein Versprechen, wie toll ich sein kann. Als wir aus der Bahn aussteigen bin ich mir sicher, sie überzeugt zu haben.

Von der Bahn geht es in den Bus und das heißt endlich Lesezeit! Sobald meine Leserin sich auf einem Sitzplatz niedergelassen hat, holt sich mich aus meinem Gefängnis – der Tasche – hervor. Ein wohliges Gefühl überkommt mich. Vorsichtig schlägt sie mich auf und ich lasse als dank direkt die Geschichte auf sie niederprasseln. Ich ziehe sie in den Bann, erzähle ihr, reiße sie mit, schicke Emotionen und lasse sie spüren. Wir sind mittendrin in einer spannenden Szene als der Bus plötzlich an unserer Station ankommt. „Nein, halt!“, schlage ich Alarm. „Es ist gerade so spannend, wir können nicht aufhören zu lesen.“ Und tatsächlich kann ich sie überzeugen. Sie packt mich nicht zurück in die Tasche, sondern behält mich in der Hand. Schultert ihre Tasche, springt aus dem Bus, überquert die Straße und dann werde ich wieder geöffnet. Während ich die Charaktere um sie herum lebendig werden lasse, betrachte ich die Gegend und passe natürlich auf, dass wir nirgendwo gegen laufen. Ich will ja keinen Knick bekommen!

Blöderweise kommen wir genau mit dem Kapitelende zu Hause an. Ich ahne schon – das wird kein guter Nachmittag für mich. Ich lande auf der Couch, wo die neugierigen Katzen schon wieder an mir schnüffeln und sich reiben. Dabei habe ich doch noch die gleiche Geschichte wie heute morgen dabei. Ich bin genervt, denn ich will nur eins: gelesen werden. Meine Leserin sitzt jedoch schon wieder am Schreibtisch. Menno, die Masterarbeit oder der Blog oder der Roman oder die tausend anderen Dinge können doch bis morgen warten. Meine Geschichte muss wirklich dringend erzählt werden! Mit „Nur ein Kapitel!“ versuche ich sie zu überreden zu mir zu kommen. Doch es klappt überhaupt nicht. Mit einem Seufzen erinnere ich mich daran, was mein Vorgänger mir erzählt hat. Denn der konnte meine Leserin mit „Nur ein Kapitel!“ erweichen. Sie ließ ihre Masterarbeit Masterarbeit sein und legte sich mit ihm auf die Couch. Buchstaben für Buchstaben, Wörter für Wörter, Seiten für Seiten haben sie miteinander verbracht und sie konnte gar nicht mehr aufhören. Aus einem Kapitel wurden zwei, dann drei und dann das halbe Buch. So etwas würde ich auch gerne erleben! Dass sie den ganzen Abend dann gezetert hat, dass sie nicht genug von ihrer ToDo-Liste geschafft hat, kann mir ja egal sein. Ich will gelesen werden!

Mein Buch macht es sich auf der Couch gemütlich

Endlich sehe ich, wie das Geschirr vom Abendessen weggeräumt und glücklicherweise der Fernseher ausgeschaltet wird. Das heißt, heute Abend ist nicht Serien- sondern Leseabend! Die Protagonisten jubeln, die Nebencharaktere liegen sich in den Armen und ich kann es wirklich kaum noch erwarten aufgeschlagen zu werden. Die letzten Punkte auf der ToDo-Liste sind abgehakt und jetzt kann noch schön bis in die Nacht gelesen werden. Der Lesepartner meiner Leserin schmeißt seinen Computer oder die Playstation an, um dort Geschichten zu erleben und meine Leserin holt mich von der Couch ab. Sie nimmt mich in den Arm und jetzt kann uns nichts mehr trennen. Sofort tauchen wir ein in meine Welt. Erleben diese besondere Reise. Zwischendurch werden wir kurz abgelenkt, wenn die Katzen Radau machen oder wenn wir das Badezimmer besuchen, aber das kann man alles nebenbei machen. Gemütlich liegen wir auf der Couch, meistens mit Decke und sind in unserer ganz eigenen Welt.

Irgendwann ist es dunkel draußen, die Uhr zeigt eine späte Stunde an, aber meine Leserin und ich können uns einfach nicht voneinander trennen. Es ist aber auch zu spannend, was ich zu erzählen habe. Irgendwann kommt ihr Mann und sie sagt: „Nur noch ein Kapitel.“ Tja, doch da hat sie die Rechnung ohne mich gemacht. Sie gähnt, aber ich zeige ihr wie spannend das nächste Kapitel ist und das danach und das danach. Wir nehmen eine Stimme wahr, die fragt: „Ist das Kapitel immer noch nicht zu Ende? Du wolltest doch nur noch ein Kapitel lesen.“. Mist. Anscheinend ist es an der Zeit, dass wir uns für heute trennen. Meine Leserin scheint das genau so zu sehen. Denn sie legt eines ihrer schönen Lesezeichen zu mir und schlägt mich widerwillig zu. Dann legt sich mich zurück auf den Couchtisch, wo mein Tag schon begonnen hatte. Noch einmal versuche ich sie zurück zu rufen, aber erfolglos. Sie ist schon im Bett. Während meine Leserin sich ins Traumland verabschiedet, träume ich dann schon vom Wochenende, wenn wir noch mehr tagsüber lesen können und wenn das Wetter gut ist, auch draußen auf der Terrasse lesen. Ach, das wird schön!

Besuche die anderen „Drüber nachgedacht“-Beiträge über den „Lesealltag“

 

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Wie sieht denn euer Lesealltag aus?

Tati, 27, süchtig nach Büchern, Nagellack und Toffifee, Informatikerin, Backfee, angehende Autorin, Webentwicklerin, verheiratet, viel zu neugierig, perfektionistisch und immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Noch mehr erfährst du mit einem Klick.

17 Comments

  • Elli

    Liebste Tati,
    wie absolut cool ist bitte dieser Beitrag? Ich habe Tränen gelacht!
    Bücher müssen wirklich enttäuscht von uns sein, dass wir ihnen so wenig Aufmerksamkeit schenken, obwohl sie doch jetzt sofort etwas ganz Wichtiges zu berichten haben. Ich glaube, wir sollten nicht immer nur an uns denken, sondern auch mal an die Gefühle der Bücher! Also: Mehr lesen! 😀
    Liebste Grüße,
    Elli

    • Tatze

      Liebste Elli,

      ich freue mich sehr, dass dich mein Beitrag so begeistern konnte. Ja, die armen Bücher! Wir müssen echt was dagegen tun, dass sie sich nicht so einsam fühlen. Wenn ich also mal keine Lust auf Lesen habe, denke ich lieber erst mal an die Bücher 😉

      Liebste Grüße,
      Tati

  • Jacquy

    Aww, schöne Art, den Alltag zu erzählen. Ein bisschen Mitleid habe ich ja schon mit dem armen Buch, das den Großteil des Tages unbeachtet rumliegen muss 😀 Etwas muss ich aber fragen: Du fährst mit dem Auto zur Arbeit und dann mit Bahn und Bus wieder zurück?

    • Tatze

      Liebe Jacquy,

      mir tun meine Bücher auch Leid. Ich sollte viel mehr Zeit zum Lesen haben. 😀
      Morgens nimmt mich mein Mann mit dem Auto mit, aber da ich aufgrund des Studiums nur halbtags arbeite „muss“ ich zurück Bahn und Bus nehmen. 😉

      Liebe Grüße,
      Tati

      • Jacquy

        Ah, alles klar. Kleinliche Frage, ich weiß, aber das hat mich jetzt neugierig gemacht. Da habe ich mich dann schon gewundert, ob das Auto alleine wieder zurückfährt 😉

        • Tatze

          Ach, das ist doch nicht kleinlich. Wäre es nicht mein Text, wäre ich wohl auch darüber gestolpert. 😉

          Liebste Grüße,
          Tati

  • Franzi Schönbach

    Omg wie süß ist das denn, ich beneide dich um deine Ideen :D. Hahe mensch, dass unsere Bücher so viel durchmachen müssen, den ganzen Tag warten und warten und warten :D. Ich höre meins auch immer nach mir rufen, auch wenn ich es nicht dabei habe :).
    glg franzi

  • Madame Lustig

    Liebste Tati, ich liebe liebe LIEBE deinen Beitrag! <3 Deinen Lesealltag aus der Sicht deines Buches zu erzählen ist einfach eine geniale Idee und wunderbar erfrischend und wer bislang noch kein Bücherfan war, wird es jetzt definitiv sein.

    Wenn ich mir vorstelle, dass Bücher ein Eigenleben haben, dann weiß ich nicht, ob ich wissen möchte, wie sehr meine Bücher über den Tag verteilt immer mal wieder über mich schimpfen, weil ich sie entweder zu selten zur Hand nehmen, oder aber zu schnell wieder beiseite lege. Aber witzig ist der Gedanke schon. 😀

    Fühl dich ganz lieb gedrückt und richte deinem Buch ganz liebe Grüße von mir aus.
    Maike

    • Tatze

      Liebe Maike,

      oh, das freut mich wahnsinnig! Wir sollten uns auf jeden Fall viel mehr um unsere armen Bücher kümmern. 😀

      Liebste Grüße,
      Tati

  • Jess

    Liebe Tati,
    was für eine coole Idee für den Beitrag! Da höre ich direkt meine eigenen Bücher alle weinen, weil sie sich unbeachtet fühlen… 😀 Aber bei unseren meterhohen SuBs könnten wir wahrscheinlich auch den ganzen Tag nur lesen und es gäbe immer noch genügend Bücher, die sich unbeachtet fühlen!
    Bis morgen! <3
    Jess

    • Tatze

      Liebe Jess,

      danke! Ja, unsere Bücher haben es echt nicht leicht mit uns. 😀 Wenn man aber überlegt, dass andere mehrere Monate an einem Buch lesen, habe es unsere Bücher doch schon viel besser. 😉

      Liebste Grüße,
      Tati

  • Nelly

    Meine allerliebste Tati!
    Den Preis für den coolsten Beitrag hast diesen Monat ganz eindeutig Du abgeräumt. Die Idee ist einfach nur genial, aber er ist darüber hinaus auch so schön geschrieben. Und dann setzt Du da noch diese genialen Bilder rein!! Alles in allem wirklich zum Schwärmen!!!
    Leider widmen wir uns unseren Büchern im Alltag viel zu wenig Aufmerksamkeit. Die armen Kleinen… haben sie echt nicht verdient. Aber das Happy End am Ende des Tages hat es fast wieder gut gemacht 😀

    Alles Liebe, Nelly

    • Tatze

      Liebste Nelly,

      oh, dankeschön! Das bedeutet mir sehr viel! Achja, unsere armen Bücher. Es ist aber auch schlimm, wie sehr wie sie vernachlässigen. 😉

      Liebste Grüße,
      Tati

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